Zuschauerbrief

an den Sender 3-sat zu der Sendung "Nachrichten aus Fidels Gefängnis" vom 20. Juni 2004, 21:15 h

Sehr geehrte Damen und Herren,

wieder einmal wurden wir Zeugen Ihrer einseitigen und unseriösen Berichterstattung über Kuba. Wie kommt es nur, dass in unseren Medien meistens über die Verhältnisse in Kuba berichtet wird, ohne den extraterrorialen Druck zu erwähnen, unter dem das Land seit dem "Sieg der Revolution" 1959 leidet? Als habe sein unmittelbarer Nachbar, die USA, nicht den geringsten Einfluss auf innerkubanische Angelegenheiten? Allein der Titel der Sendung verrät die Absicht ihrer Autoren. - Wurden die Spesen für Ihre Sendung direkt von der exilkubanischen Mafia oder über den Umweg von "Reportern ohne Grenzen" bezahlt, die sich schon in den 1970er Jahren an Terroranschlägen gegen Kubaner und mit ihnen in Verbindung stehenden Einrichtungen "auf den Straßen der Welt" maßgeblich beteiligten?

Man kann nur immer wieder William Blum zitieren:
( Original unter:
http://www.blythe.org/nytransfer-subs/2001-Caribbean-Vol-4/Blum:_Brief_History_of_US_Interventions)
auf Deutsch: Das Traurigste an dieser Geschichte ist, dass die Welt nie erfahren wird, welche Gesellschaft Kuba hätte hervorbringen können, wenn es sich selbst überlassen worden wäre, wenn es nicht dauernd unter Beschuss und unter der Bedrohung durch eine Invasion gestanden hätte, wenn es ihm erlaubt gewesen wäre, sich zu entspannen und in seinen Kontrollmechanismen nachzulassen. Der Idealismus, die Vision, das Talent, der Internationalismus, das alles war da. Aber wir werden es nie erfahren. Und das war ja auch der Sinn der Sache. http://www.cuba-si.org/archiv/usa/usa-011022.htm

Wir schrieben Ihnen schon einmal anlässlich Ihrer Sendung am 07.04.03, dass den Terror- und Sabotageakten der in Südflorida ansässigen exilkubanischen Organisationen, paramilitärisch ausgebildet und finanziert von der CIA, bis 1999 5.577 Menschen zum Opfer fielen. Kuba beklagte damals vor der UNO 3.478 Tote und 2.099 Invalide aufgrund dieser Anschläge. (Zahlen sind durch die UNO belegt) Es mag psychologisch verständlich sein, dass ein sensibler Dichter mit Alkoholproblemen, wie Raúl Rivero, angesichts des permanenten Drucks, dem nicht nur er, sondern die gesamte kubanische Gesellschaft ausgesetzt war und ist, der sich besonders in den 1990er Jahren verstärkte, seine Ideale aufgibt und sich schließlich von den Gegnern der Revolution aus US-Steuergeldern bezahlen und zum "Dissidenten" adeln lässt. (Immerhin wurde in ihrer Sendung ein "privates Video" erwähnt, das ihn und seine Ehefrau "in Miami" zeige. Wer zahlte dem armen Poeten die Reise- und Aufenthaltskosten?) Wohlweislich erwähnten ihre Interviewpartner nicht, dass Kuba nach dem Zusammenbruch der UdSSR über 80 % seines Außenhandels verlor und der vollen Härte der verharmlosend US-Embargo genannten Blockade ausgesetzt war, dass die meisten Kubaner aufgrund der plötzlich entstandenen Versorgungsengpässe abends hungrig zu Bett gehen mussten, während die reichen Exilkubaner schon auf ihren gepackten Koffern saßen, um dem nach ihrer Logik folgenden Zusammenbruch des revolutionären Systems ihre alten Pfründe wieder in Besitz nehmen zu können. Sie erwähnten wohl die daraufhin durch die Einführung des Dollars als Zweitwährung entstanden Zweiklassengesellschaft, wonach aber die Schere zwischen Arm und Reich weit weniger auseinanderklaffte als im restlichen Lateinamerika, das nach den Regeln des Kapitalismus regiert wird. Ein Blick auf die Nachbarinsel Haiti genügt, um zu sehen, was Kuba blüht, wenn es seine Souveränität aufgibt. Die meisten Kubaner wissen das.

Offensichtlich waren Ihre Mitarbeiter auch bei der Pressekonferenz von Felipe Pérez Roque am 9. April 2003 zugegen (uns liegt das Transkript dieser Veranstaltung vor) nach der Verhaftung und Verurteilung der 75 "Dissidenten", von denen 4 schon wieder in Freiheit sind. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, auch die andere Seite der Medaille zu zeigen, aber das hätte natürlich Ihrer Intention widersprochen. Wohl um den Anschein von ausgewogener Berichterstattung zu wecken, ließen sie "sogar" den kubanischen Außenminister mit einem Satz zu Wort kommen, aber seine Beweisführung konnten sie offenbar nicht mehr zulassen.

Dazu ein Zitat von Günter Belchaus, Ministerialrat a.D., Mitglied der SPD und von Amnesty International, in "Eiszeit in Havanna - eine notwendige Gegendarstellung", unter www.miami5.de/Informationen: "Kein Staat auf der Welt, auch nicht der unsrige würde dulden, daß im Zusammenspiel mit einer fremden, extrem feindseligen Macht versucht wird, Souveränität und politisches System zu beseitigen. Deutschland wehrt sich dagegen in der Tendenz mit der Bestimmung des 81 Abs. 1 StGB. Hiernach wird als Hochverräter im Höchstfalle mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft, wer es unternimmt, den Bestand der Bundesrepublik zu beeinträchtigen oder die auf dem Grundgesetz beruhende verfassungsmäßige Ordnung zu ändern. Den Bestand der Bundesrepublik in diesem Sinne beeinträchtigt unter anderem, "wer ihre Freiheit von fremder Botmäßigkeit aufhebt" ( 92 Abs. 1 StGB), die verfassungsmäßige Ordnung ändert, wer tragende Verfassungsgrundsätze beseitigen, außer Geltung setzen oder untergraben will ( 92 Abs. 3 Nr. 3 in Vbdg. Mit Abs. 2 StGB).
Das aber gerade sind die erklärten Ziele, die die USA mit der Anwerbung und Unterstützung von "Oppositionellen " in Kuba verfolgen."..., "daß nach den Artikeln 1 und 2 der Charta der Vereinten Nationen das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu respektieren und daß Bedrohungen der politischen Unabhängigkeit eines Staates zu unterlassen sind. Diese Prinzipien werden verdeutlicht in der UN-Erklärung über Grundsätze des Internationalen Rechts, freundliche Beziehungen und Zusammenarbeit zwischen den Staaten betreffend, vom 24. Oktober 1970. Es mag einem gefallen oder nicht, es ist hiernach Unrecht, den Kubanern von außen her ein anderes politisches System aufzwingen zu wollen, und Kuba wird man deshalb auch nicht die Berechtigung absprechen können, sich entsprechend zu wehren."

Warum nur berichten Sie nicht über loyale Kubaner und deren Angehörigen, ihre noch unmündigen Kinder, die nun als Halbwaisen aufwachsen - über die "Cuban Five" - die ihre Loyalität zum kubanischen System mit bis zu zweimal lebenslänglich + 15 Jahren in US-amerikanischen Hochsicherheitsgefängnissen büßen müssen? Sie dürften Ihnen nicht mehr unbekannt sein, nicht nur aufgrund unseres o.g. Zuschauerbriefes, denn wir hörten, dass auch ein Mitarbeiterteam Ihres Senders bei der Pressekonferenz eines der US-Anwälte der Fünf, Leonard Weinglass, am 21.04., 10:00 Uhr, im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, in Berlin anwesend war. Der renommierte Anwalt, der u.a. schon Vietnamkriegsgegner, Angela Davis und Mumia Abu Jamal verteidigte, wies die anwesende Presse deutlich auf den Kontext hin, der seinen Klienten, Antonio Guerrero (übrigens auch ein Dichter) und die anderen vier Kubaner, Gerardo Hernández, Ramón Labañino, Fernando González und René González veranlasste, sich unbewaffnet, aber mit viel Mut und Idealismus, in den 1990er Jahren in die rechtsradikalen Terrororganisationen von Miami einzuschleusen, um ihr Land vor weiteren Terrorangriffen und Sabotageakten zu schützen. Wir danken z.B. dem ebenfalls dort anwesenden Journalisten, Hinnerk Berlekamp, von der "Berliner Zeitung" für seinen fairen und objektiven Bericht vom 29.04.04 über diese Pressekonferenz. Die Chronologie ihres Falles, das unsägliche Leid, das die auch anderenorts menschenrechtsverletzende US-Regierung über sie und ihre Angehörigen gebracht hat, könnten Sie z.B. unter www.miami5.de nachlesen, wenn Sie es wollten. Wie lange müssen wir noch warten, bis das Licht der Öffentlichkeit auch auf die "Cuban Five" fallen darf? Es wäre die einzige Chance für sie, endlich einen fairen Prozess zu erhalten, wie auch Leonard Weinglass in Berlin mehrfach versicherte. Er will nur, dass die an sich demokratisch konzipierte Rechtssprechung der USA auch auf die Fünf angewendet werden darf.

Mit freundlichen Grüßen

Josie Michel-Brüning und Dirk Brüning

Zurück