CounterPunch, 19. August 2010

Eine Reise ins Gefängnis zu einem der Cuban Five

Zu Besuch bei Gerardo

Von Danny Glover und Saul Landau

Wir fuhren vom Flughafen Ontario-California - etwa 60 Meilen östlich des Stadtzentrums von Los Angeles - nach Norden auf den Highway 15, die Schnellstraße nach Las Vegas. Wagen mit erwartungsvollen Amateurspielern und großen Anlagen beladen fahren dort die Berge hinauf und hinunter, wo der Wald von Los Angeles auf den San Bernadin National Forest trifft.
Östlich davon liegt die hohe Wüste, etwa 4.000 Fuß über dem Meeresspiegel. Inmitten von Wacholdersträuchern, Joshua-Bäumen und Wüstenbeifuß verlassen wir die künstlich angelegte Autobahn, um in diesen Schildbürgerstreich von einer Ladenstraße in Hesperia einzufahren, wo wir Chavela, Gerardo Hernández' ältere Schwester, aufgabeln.
Wir passieren auf der Fahrt nach Westen Fast-Food-Ketten mit den entsprechenden Namen, Nagel- und Haarstudios, Tatoo-Salons, Tankstellen und "mini-marts" (die Anlaufstelle der amerikanischen Kultur) [eine Anlaufstelle für Vorbeifahrende, Anm. d. Ü.] und dann nach Norden auf die 395 zu dem sechs Jahre alten US-Bundeszuchthauskomplex, ein 630.000 Quadratfuß umfassendes Hochsicherheitsgefängnis (sein Bau hat 101, 4 Millionen Dollar gekostet), geschaffen um 960 männliche Gefangene einzukerkern.
In der in Einheitsgrau gehaltenen Besucher-Lobby überreicht uns ein Wachhabender Formulare mit Nummern oben auf, winkt mit dem Kopf auf ein Buch, wo man unterschreiben soll und mit den Augen auf einen Stapel Stifte. Wir schreiben, geben ihm die Formulare zurück und sitzen dann mit anderen Besuchern in dem grauen Wartesaal - mit lauter Schwarzen und Latinos.
Wir warten 20 Minuten lang. Ein Wachhabender ruft unsere Nummer auf. Wir leeren unsere Taschen bis auf das Geld. Wir gehen durch einen flughafenähnlichen Durchleuchtungsapparat, nehmen unsere Gürtel und Brillen, die durch einen Röntgenapparat gelaufen sind, wieder an uns und strecken die Innenseite unserer Unterarme einem anderen Wachhabenden zum Stempeln entgegen. Zwei schwarze Frauen und ein älteres Latino-Ehepaar erhalten die gleiche Behandlung. Wir lächeln einander genervt zu. Besucher in einem seltsamen Land!
Er gibt unsere Ausweise in eine Schublade, die mit einem anderen abgeschlossenen Raum auf der anderen Seite hinter einer dicken Plexiglasscheibe verbunden ist. Dort prüft der Wachhabende die Dokumente und drückt auf den Knopf zum Öffnen einer schweren Metalltür. Die Gruppe betritt einen Gang im Freien. Blendende Vormittagssonne und Wüstenhitze versetzen unseren Körpern nach den klimatisierten Innenräumen einen Schock. Wir warten. Ein Wachhabender konferiert durch einen kleinen Schlitz in der Tür des Gebäudes für die Häftlinge - Wachtürme zu beiden Seiten, Massen von Stacheldraht krönen die Betonmauern.
Wir warten, es wird uns heiß, dann betreten wir einen anderen luftgekühlten Raum, schließlich öffnet sich eine Tür in den Besucherraum. Ein Wachhabender weist uns einen kleinen Plastiktisch mit drei billigen Plastikstühlen zu, auf einer Seite (für uns) und auf der anderen Seite einer für Gerardo. Afroamerikanische und Latino-Kinder wechseln ihre Plätze auf den Knien ihrer in Khaki-Gefängnisoveralls gekleideten Väter, die sich mit ihren Ehefrauen unterhalten.
Chavela entdeckt ihn nach 20 Minuten, wie er winkt und quer durch den Raum lächelnd hereinplatzt. Chavela sagt fast weinend: "Er hat an Gewicht verloren." Er scheint das gleiche Gewicht zu haben wie im Frühling, als Saul Landau ihn zuletzt sah. Gerardo umarmt und küsst seine Schwester, umarmt Saul und dann Danny und dankt ihm für seine Bemühungen, ihn aus dem Loch zu befördern, worin er 13 Tage lang von Ende Juli bis Anfang August verbracht hatte. Gerardo informiert uns, dass ihn zwei FBI-Agenten, die einen Zwischenfall untersuchten, der nichts mit seinem Fall zu tun gehabt habe, im Gefängnis verhört hätten. Unmittelbar danach stießen die Gefängnisbehörden Gerardo ins Loch, obwohl es keinen logischen oder vernünftigen Beweis dafür gab, der ihn möglicherweise mit diesem angeblich zusammenhanglosen Störfall in Verbindung gebracht haben könnte. Die Temperaturen in dem Loch waren bis auf 90 Grad F[ bzw. 40 Grad C] gestiegen.
"Ich musste mein Trinkwasser benutzen, um mich abzukühlen, indem ich es mir über den Kopf goss," erzählte Gerardo. Es half nicht gegen meinen Blutdruck. Ich konnte nicht einmal meine Medizin nehmen. Aber ich glaube, wegen der Tausende von Telefonanrufen und Briefen von Leuten von überall, haben sie mich herausgelassen." Chavela holte Fertigkost an den Tisch - das einzige, was man aus dem Automaten bekam. Wir knabberten es wie zwanghaft, während Gerardo uns von dem fast vierzehntägigen Leben im Schwitzkasten erzählte. "Es zirkulierte keine Luft da drinnen," lachte er, als wolle er sagen: "keine große Sache." Wir sprachen über Kuba. Er war durch Lesen und Fernsehen auf dem Laufenden - und von Besuchern, die ihn informierten. Er fühlte sich durch die Schritte, die Raúl Castro bezüglich der Krise unternommen hatte, ermutigt. Er hat im Gefängnisfernsehen Teile von Fidels Rede und die Fragen und Antworten bei der Versammlung der Kubanischen Nationalversammlung mitbekommen. "Ich habe Adriana [seine Frau] gesehen," die im Publikum saß. Sein Lächeln schwand. "Ihr wisst, was weh tut. Sie ist 40 und ich bin 45. Wir haben nicht allzu viel Zeit mehr, eine Familie zu gründen. Die Vereinigten Staaten geben ihr nicht einmal ein Visum, damit sie mich besuchen kann. Sie verhält sich so mutig und würdevoll auf diesem Leidensweg.
Gerardo Hernández, einer der Cuban Five, sitzt zwei lebenslange Strafen wegen Verschwörung, Spionage begehen zu wollen, und wegen Beihilfe und Anstiftung zum Mord ab. Die Staatsanwälte legten während des Verfahrens in Miami keine Beweise für Spionage vor. Für die Anklage wegen Beihilfe und Anstiftung konnten ebenfalls keine Beweise dafür vorgelegt werden, dass Gerardo Details der Flüge der "Brothers to the Rescue" nach Kuba gemeldet hatte, bevor diese im Februar 1996 von kubanischen MIGs abgeschossen wurden. Die Anklage mutmaßt auch, er habe von geheimen Befehlen der kubanischen Regierung, die Flugzeuge abzuschießen, gewusst, was auch nicht wahr ist.
Die Fünf beobachteten kubanische Exilterroristen in Miami, die Bombenanschläge und Attentate in Kuba begangen hatten, und berichteten darüber. Kuba teilte diese Informationen dem FBI mit. Larry Wilkerson (ein pensionierter Oberst der Army und Stabschef unter Außenminister Colin Powell) verglich die Chancen der Fünf auf ein faires Verfahren in Miami mit der Chance auf Gerechtigkeit für einen angeklagten Israeli in Teheran.
Wir nippten an einem übersüßten, in Flaschen abgefüllten Eistee. Chavela holte noch mehr Kartoffelchips.
Gerardo heiterte die Stimmung auf, indem er an einen Zwischenfall in den 1980ern erinnerte, als er als Leutnant in Cabinda in Angola kubanische Spitzenoffiziere zu einem Essen mit einem sowjetischen Blasorchester begleiten sollte. "Ich erzählte meinem Oberst, dass ich mich (aus der Schule) an ein kurzes Gedicht in Russisch von Majakowski erinnere und es den sowjetischen Offizieren vortragen könnte." Er trug uns das Gedicht auf Russisch vor. Wir applaudierten. Er lächelte. "Sie rösteten ein Schwein und hatten Flaschen mit Schnaps, eine Party."
"Ich sagte das Gedicht auf. Der sowjetische Oberst umarmte mich, küsste mich auf beide Wangen - sehr bewegt. Ich musste meinen Vortrag für die anderen Offiziere wiederholen. Schließlich sagte der kubanische Oberst, ich hätte die Szene nun lange genug ausgenutzt, und ich ging."
Die zwei Stunden gingen schnell vorbei. Wir warteten auf die Wachen, damit sie uns hinaus lassen. Gerardo stand aufmerksam an einer Wand in der Nähe der Tür zum Zellenblock neben einem anderen Gefangenen. Wir grüßten ihn mit erhobener Faust. Er erwiderte den Gruß. Seine Schwester warf ihm eine Kusshand zu. Er lächelte zuversichtlich - als wolle er uns erinnern: "Bleibt stark."

Danny Glover ist Aktivist und Schauspieler. Saul Landau ist Mitarbeiter am Institut für Politische Studien.

Deutsch: ¡Basta Ya! (jmb, db)

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