Die USA verweigern die geheimdienstliche Zusammenarbeit mit Kuba gegen den Terrorismus, weil das auf den US-Terrorismus zurückfallen würde

Bernie Dwyer

Der international bekannte Linguist, politische Philosoph und Professor am Massachusetts Institute of Technology, Noam Chomsky, sprach kürzlich mit der kubanischen Journalistin Bernie Dwyer. Die folgenden Ausschnitte aus dem Interview beziehen sich auf Chomskys Besorgnis über den Terrorismus gegen Kuba und seine Kommentare zu den Cuban Five, deren Fall, wie er sagt, "unglaublich" ist. In den USA irgendwelche Informationen darüber zu finden, fügt er hinzu, wäre ein "größeres Forschungsprojekt".

28. August 2003

[Bernie Dwyer] Die US-Medien brandmarken mehrere Staaten als terroristisch, als Gastgeber von Terroristen oder als Staaten, die terroristische Angriffe verüben. Kuba wurde in eine solche Schublade gesteckt, wenn nicht gar in alle, während wir wissen, dass Kuba mehr Terrorangriffe erdulden mußte als irgend ein anderes Land. Wie ernst nehmen Sie diese Beschuldigungen gegen Kuba? Wird der Trommelschlag lauter?

[Noam Chomsky] Lauter als wann? Nicht lauter als zu der Zeit, als Kennedy in Kuba eindrang und die Operation Mongoose [Mungo] aus der Taufe hob, was direkt in die Raketenkrise [gemeint ist die sog. Kubakrise 1962] führte, die praktisch die Welt zerstörte. Aber ja, es zieht wieder an. Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten andere Staaten als terroristische Staaten bezeichnen können, ist wirklich bemerkenswert, da sie selbst unbestreitbar ein terroristischer Staat sind.

Die USA sind das einzige Land der Welt, das vom Weltgerichtshof für Internationalen Terrorismus verurteilt wurde. Dessen Urteil lautete: ungesetzliche Anwendung von Gewalt im Krieg gegen Nicaragua. Das ist internationaler Terrorismus. Es gab zwei Resolutionen des Sicherheitsrates, die dieses Urteil unterstützen. Die USA haben natürlich ihr Veto eingelegt. Und das war kein kleiner Krieg von Terroristen. Er hat praktisch das Land zerstört. Der US-Terrorismus gegen Kuba geht seit 1959, und die Tatsache, dass die USA Kuba als terroristischen Staat bezeichnen können, während sie gewaltige Terrorkampagnen gegen Kuba durchführen, seit 1959, stark gesteigert in den 60ern und nochmal gesteigert in den 70ern, das ist in der Tat erstaunlich.

Aber ich glaube, wenn Sie eine sorgfältige Studie der [US-]amerikanischen Medien und intellektuellen Zeitschriften und intellektuellen Meinungen usw. durchführen, werden Sie nichts darüber finden und kein Wort, das andeutet, dass irgend etwas daran befremdlich ist. Und wenn Sie in die wissenschaftliche Literatur über Terrorismus sehen, wie von Leuten wie Walter Lecoeur und anderen Gelehrten, und Sie sehen auf den Index, finden sie Kuba häufig erwähnt, und wenn Sie auf die Referenzen sehen, wird erwähnt, dass Kuba verdächtig ist, möglicherweise in einige Terrorakte verwickelt zu sein, aber was sie nicht finden, ist eine Referenz zu den gut dokumentierten US-Terroroperationen gegen Kuba.

Das ist unumstritten. Wir haben Bände von freigegebenen Regierungsdokumenten darüber. Es gibt umfangreiche Forschung darüber, aber sie gelangt nicht in die öffentliche Diskussion. Das ist ein ziemlich bemerkenswerter Erfolg, nicht nur der Medien, sondern der intellektuellen Gemeinde insgesamt. In Europa ist das nicht viel anders. Wenn Sie eine Untersuchung in England machten, würden Sie ziemlich das selbe finden.

[Bernie Dwyer] Die USA und das Volk der USA haben von Kuba nichts zu fürchten. Kuba ist keine Bedrohung. Also, warum nimmt die Regierung Kuba so wichtig?

[Noam Chomsky] Die USA, das muß man ihnen zugute halten, sein ein sehr freies Land, vielleicht das freieste Land der Welt, in vieler Beziehung. Ein Ergebnis ist, dass wir extrem großen Quellenzugang haben. Wir haben viele Belege hochrangiger Planungsdokumente, die uns die Antwort auf Ihre Frage geben. Und das ist eine Errungenschaft der [US-]amerikanischen Demokratie. Allerdings weiß niemand davon, und das ist ein Fehlschlag der Demokratie.

Also die Information ist da. Sie steht in der wissenschaftlichen Literatur. Sie steht in dem freigegebenen Bericht, und er beantwortet die Frage sehr klar. Also, als die Kennedy-Administration an die Macht kam, hat sie sofort eine Mission für Lateinamerika organisiert. Lateinamerika sollte das Kernstück der Politik der Kennedy-Administration werden. Angeführt wurde sie [die Mission] von einem bekannten amerikanischen Historiker, Arthur Schlesinger, der Berater des Präsidenten war. Schlesingers Report über die Lateinamerikamission wurde vor ein paar Jahren freigegeben, und die Mission erklärt Kennedy die Wichtigkeit des Sturzes der Regierung von Kuba.

Der Grund ist, dass sie besorgt waren über, wörtlich zitiert, die Verbreitung der Idee von Castro, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, was ein großer Anreiz sein wird für die leidenden und verarmten Menschen der Hemisphäre, die ähnliche Probleme hatten. Wir wollen nicht, dass diese Idee sich verbreitet. Wenn Sie in die freigegebenen Berichte gehen, finden Sie die Beschreibung der CIA und der Geheimdienste, was das Problem mit Kuba ist, etwas, was sie erfolgreiche Mißachtung der Politik der USA der letzten einhundertfünfzig Jahre nennen. Das bezieht sich auf die Monroe Doktrin. Die Monroe Doktrin, die durchzusetzen die USA damals nicht mächtig genug waren, besagt, dass die USA die dominierende Kraft der Hemisphäre wird, und Kuba unterwirft sich dem nicht. Das ist erfolgreiche Mißachtung einer Politik, die hundertfünfzig Jahre zurückreicht, und das kann nicht toleriert werden. Sie haben das ganz klar gemacht. Sie sind nicht besorgt über eine kubanische Aggression oder gar Subversion oder irgendwas. Sie sind besorgt über Kubas erfolgreiche Mißachtung, und das ist nicht nur Kuba, das ist allgemein so.

Als die USA 1954 die Regierung von Guatemala stürzten - wieder haben wir eine dicke Akte mit freigegebenen Dokumenten - erklärten sie, dass die Bedrohung durch Guatemala darin bestand, dass es die erste demokratische Regierung war, die enorme öffentliche Unterstützung genoß. Sie mobilisierte das Landvolk, führte soziale Reformen ein, und das war ein Anreiz für anliegende Länder, das gleiche zu tun. Und das konnte nicht toleriert werden, oder das gesamte Gerüst der US-Dominanz über die Hemisphäre würde kollabieren.

Und es war das selbe in Südostasien und dem Rest der Welt. Die Bedrohung von unabhängigem Nationalismus war immer die erste Bedrohung. Und überhaupt, wenn Sie weit genug zurückgehen, denken Sie daran, wie sich die amerikanischen Kolonien von England befreiten, wurden sie von europäischen Staatsmännern als gewaltige Bedrohung angesehen. Der Zar, Metternich und andere waren extrem bestürzt über diese republikanische Bedrohung, die andere anlocken und die konservative Weltordnung und ihre moralischen Grundlagen unterminieren könnte. Das ist die Art, die man wirklich nicht akzeptieren kann. Es ist im Grunde die Bedrohung durch die Unabhängigkeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, was nicht akzeptiert werden kann. Und jeder, der etwas darüber wissen will, kann es herausfinden.

Ich meine, warum haben die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich Mussolini und Hitler unterstützt? Gut, weil sie die, wie sie es nannten, Massen in Italien und Deutschland fürchteten. Wenn die Massen, inspiriert von der Sowjetunion, versuchen würden, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und die Rechte von Besitz und Macht bedrohen, und Hitler und Mussolini die Leute sind, die sie aufhalten können, dann ist das der Grund, weshalb sie sie unterstützt haben bis fast zum Tag, als der Krieg begann. Das ist alte Politik, und sie ist verständlich. Sie ist verständlich, wenn du die Welt in erster Linie heimischer Macht unterordnen willst.

[Bernie Dwyer] Wegen der 43-jährigen ununterbrochenen Aggression, mußte Kuba offensichtlich die Dinge selbst in die Hand nehmen, auch wenn es den USA nicht passt, um den von rechtsradikalen antikubanischen Gruppen in Miami ausgehenden Terrorismus zu stoppen. Sind Sie vertraut mit dem Fall der fünf kubanischen politischen Gefangenen in den USA, die eingekerkert wurden, weil sie gegen den Terrorismus gekämpft haben?

[Noam Chomsky] Das ist ein phantastischer Fall! Kuba näherte sich den USA mit einem Angebot, im Kampf gegen den Terrorismus zu kooperieren, und tatsächlich schickte das FBI Leute, um von Kuba Informationen darüber zu bekommen. Das nächste war, dass Kubaner, die die Terrorgruppen in den Vereinigten Staaten infiltriert hatten, verhaftet wurden. Das ist absolut schockierend! Glauben Sie, daß darüber berichtet wird? Niemand weiß davon. Ich meine, da sind Kubaner, die illegale, terroristische Organisationen in den USA infiltrierten, welche US-Recht verletzen, und die Infiltrierenden werden verhaftet und nicht die Terroristen. Es ist erstaunlich. Die USA verweigern die geheimdienstliche Zusammenarbeit mit Kuba gegen den Terrorismus, weil es direkt auf terroristischen Gruppen in den Vereinigten Staaten zurückfallen würde.

Tatsächlich sind die Vereinigten Staaten seit den 70ern gegen den in den USA beheimateten Terrorismus. Aber sie tolerieren ihn immer noch - Sie schließen die Terrorbasen oder die Finanzierung des Terrors nicht - aber theoretisch sind sie dagegen, und haben tatsächlich gelegentlich die Leute angeklagt. Bis damals (den 70ern) verließen die USA sich nicht auf kubanische Exilanten. Sie organisierten den Terror selbst. Das war offiziell so in den 70ern. Was jetzt ist, wissen wir nicht. Den offiziellen Bericht bekommen wir in 20 oder 30 Jahren.

[Bernie Dwyer] Wie verfolgen Sie den Fall der fünf Kubaner, angesichts des Schweigens der Medien darüber?

[Noam Chomsky] Es gibt zum Glück unabhängige Quellen, obwohl ich mich an keinen Artikel in den Vereinigten Staaten erinnern kann. Die britische Presse hat darüber berichtet. Es gab einen ziemlich guten Artikel von William Blum im Counterpunch. Es gibt ein gutes vierteljähriges Journal namens "Sozialism and Democracy", das die Aussagen der kubanischen Gefangenen publiziert hat. Man kann Material auf Internetseiten, wie Z-net, finden. Also es ist möglich für die Leute, etwas darüber herauszufinden, aber es ist ein Forschungsprojekt. Von einem normalen Menschen kann man das nicht erwarten. Es ist ein riesiges Forschungsprojekt.

Deutsch: ¡Basta Ya!

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